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"Tag der offenen Tür" im Vipassana-Zentrum Triebel / Vogtland

Wolfgang Rühle / 19.06.2011 / Kommentar


Im idyllischen Vogtland unweit von Plauen, dort wo sich im Volksmund Hase und Fuchs gute Nacht sagen, liegt das Deutschlandzentrum der Vipassana-Vereinigung. Das Zentrum hatte am 19. Juni zum „Tag der offenen Tür“ eingeladen. Die Neugier ließ uns die Anfahrt in langsamer Fahrt über eine längeren Schotterweg, auf der uns zum Glück niemand entgegen kam, ertragen. Bei einer Führung durch das Objekt ließen wir uns Vipassana und die Umstände, unter denen man diese Art der Meditation ausüben kann, etwas genauer erläutern.



Im idyllischen Vogtland unweit von Plauen, dort wo sich im Volksmund Hase und Fuchs gute Nacht sagen, liegt das Deutschlandzentrum der Vipassana-Vereinigung. Das Zentrum hatte am 19. Juni zum „Tag der offenen Tür“ eingeladen. Die Neugier ließ uns die Anfahrt in langsamer Fahrt über eine längeren Schotterweg, auf der uns zum Glück niemand entgegen kam, ertragen.

Am Ziel ein überwältigender  Blick ins Vogtland und das sorgsam restaurierte Objekt des Vipassana-Meditationszentrums bei Triebel. Mit erheblichem finanziellen Aufwand, nach Aussage unseres Gastgebers ca. 1,7 Mio, und dank Denkmalschutz auch mit staatlichen Fördermitteln aufgebaut. Eine Erweiterung der Kapazität von derzeit 100 auf 150 Kursteilnehmer ist geplant.

Bei einer Führung durch das Objekt ließen wir uns Vipassana und die Umstände, unter denen man diese Art der Meditation ausüben kann, etwas genauer erläutern.

Vipassana ist nach Aussage des Anbieters ein unkomplizierter Weg, der tiefgreifende Einsichten und inneren Frieden fördern und zu einem unkomplizierten und glücklichen Leben führen soll. Eine Methode der geistigen Läuterung durch Selbstbeobachtung. Erlernbar nur in einem 10-tägigen Kurs unter Anleitung eines qualifizierten Lehrers. Qualifiziert bedeutet hierbei, dass man selbst diesen Kurs absolviert haben muss – weiter nichts.

Der Kurs verläuft in drei Stufen. Zu Beginn ist das Versprechen abzugeben, alle Frieden und Harmonie störenden verbalen und körperlichen Handlungen zu unterlassen. Der zweite Schritt dient dann der Erlangung einer gewissen Herrschaft über den Geist, indem man seine Aufmerksamkeit nur – solange wie möglich ohne Unterbrechung – auf seinen Atem gerichtet hält. Diese beiden Schritte sind die Vorbereitung auf den entscheidenden dritten Schritt:  Läuterung des Geistes von Unreinheiten durch die Entwicklung von Einsicht in die eigene Natur – Vipassana, Selbstläuterung durch Selbstbeobachtung.

Ergebnis des Kurses lt. Prospekt: erfahren der universellen Wahrheit von Unbeständigkeit, Leidhaftigkeit und Ichlosigkeit – die geistige Läuterung, sprich Ausschalten des Fragen stellenden (Quäl-) Geistes und die Dinge so betrachten, wie sie sind und nicht wie sie zu sein scheinen. Was dies bedeutet, wollte  der Vipassanalehrer auf nochmalige Nachfrage leider nicht verraten – dies könne man nur erfahren. Macht nichts, wir konnten es ja in den ausliegenden Prospekten nachlesen.

Während des Kurses keine Kontakte zur Außenwelt, keine Kommunikation mit anderen Kursteilnehmern; Kommunikation mit den sogenannten Lehrern ausschließlich zu organisatorischen Fragen, zu anderen Problemen nur, wenn nicht vermeidbar.

Kursteilnehmer müssen sich einverstanden erklären, den Anweisungen der Lehrer für die Dauer des Kurses genauestens Folge zu leisten. Ein solches Vertrauen in die Lehrer und die Technik sei die Basis für den Erfolg in der Meditation.

Die Unterbringung der Kursteilnehmer erfolgt in kleinen Kammern, in denen sich zwei bis vier Teilnehmer mindestens einmal am Tag zwangsläufig auf die Füße treten müssen. Meditation von bis zu 80 Kursteilnehmern täglich mehrmals in einem Raum, in dem ich Platzangst bekäme, wenn sich außer mir höchstens noch die Hälfte davon drinnen aufhalten würde. Das ganze 10 Tage und Nächte ohne ein Wort untereinander, ohne eine aufmunternde Geste oder Mimik von anderen Teilnehmern – für mich unvorstellbar. Für unseren Führer durch das Zentrum kein Problem, auch für meinen Fall hätte man eine Lösung. Welche wollte er mir nicht sagen, ich wollte es auch gar nicht mehr erfahren. Besucher, die mit uns das Zentrum besuchten und den Kurs schon absolviert hatten, bestätigten  seine Aussage.

Im Begleitheft „Einführung in die Technik und Teilnahmebedingungen“ weist das Vipassanazentrum in Triebel darauf hin, dass Vipassanakurse für Menschen mit psychischen Problemen nicht geeignet sind. Auch wird darauf hingewiesen, dass es an therapeutisch geschultem Personal fehle, um Menschen mit solchem Hintergrund angemessen betreuen zu können. Soweit so gut.

Die fehlende therapeutische Qualifikation der Lehrer  wurde im Gespräch mit einem „Meditationslehrer“ während des Tages der offenen Tür eindrucksvoll bestätigt.

Die Beurteilung, ob jemand an einem Kurs teilnehmen kann oder nicht, wird ausschließlich anhand des vor dem Lehrgang  durch den Interessenten auszufüllenden Fragebogens vorgenommen. Das Personal des Zentrums ist nicht in der Lage, die tatsächliche Befindlichkeit eines Kursteilnehmers zu beurteilen.

Was passiert nun, wenn jemand sich zum Kurs anmeldet, der ohne es zu wissen an  psychischen Problemen leidet? Sollte es zu Komplikationen während des Kurses kommen, würde man angemessen reagieren, so die Auskunft des Lehrers. Konkrete Aussage – Fehlanzeige. In der Regel, so der Lehrer weiter, findet der Betroffene die Antwort auf seine Probleme selbst. Die Antwort auf das Wie blieb offen. Solche Fälle seien aber selten wurde betont.

Im Zentrum eine kleine, genauer gesagt sehr kleine Bibliothek. Vor dem Regal ein älterer Herr. Auf meine Frage, ob man die Bücher gelesen haben muss die prompte Antwort: braucht man nicht, man muss es erfahren haben. Dass er die Bücher nicht gelesen hat oder nicht mehr liest, habe ich ihm aufs Wort geglaubt. Das er es erfahren hat auch – ich habe es  ihm angesehen.

 

Christoph Grotepass  von Sekteninfo NRW schreibt zum Thema Vipassana Meditation im 10 Tage Kurs nach S. N. Goenka (Auszug aus dem Artikel):

Zu sich oder ins Nirvana finden – gemeinsam einsam schweigsam

Die Vipassana−Meditation ist ein aus Indien stammendes buddhistisches Verfahren. Laut der Tradition wurde sie von Buddha selbst vor 2500 Jahren geprägt. Etliche Organisationen und Meditationslehrer bieten sie an. Das Label „buddhistisch“ stellt für nicht wenige bereits ein Qualitätsmerkmal dar, für manche sicherlich auch einen exotischen Reiz. Buddhismus gilt als freundlich und erleuchtend. Die Medien zeigen einen weisen und fröhlichen Dalai Lama. Die Bücher Thich Nat Hans erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Neben den verschiedenen buddhistischen konkurrieren auch hinduistische, an einem Guru orientierte, und andere Verfahren. Esoterische Zentren bieten auch eigene Mixturen mit asiatischen Weisheitslehren an. In mittlerweile hunderten Meditationskreisen verschiedenster Ausrich­tungen meditieren sich Deutsche in die Entspannung, ins Glück, ins Nirvana, manche in die Abhängigkeit und einige in die Psychiatrie. Tatsächlich kann Meditation Nebenwir­kungen haben. Es können Abhängigkeiten von den Verfahren oder den sie lehrenden Meis­tern entstehen und es gibt physische und psychische Veranlagungen, bei denen Medita­tions­verfahren sich schädlich auswirken können............

 Vipassana nach S. N. Goenka

Die hier näher dargestellte Form der Meditation wird vom Burmesen Satya Narayan Goenka (*1924) gelehrt. Er versteht sich als Nachfolger seines Lehrers Sayagyi U Ba Khin. Von ihm übernahm er auch den „10-Tageskurs“, den er selbst seit 1969 in Indien und weltweit mittels Assistenzlehrern abhält. Auf der Webseite heißt es dazu: „Es gibt eine grosse Anzahl von Vipassana-Zentren in Indien und Asien, sechs Zentren in Nordamerika, sieben Zentren in Europa [in Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Schweiz, Großbritannien], sieben in Australien/Neuseeland und ein Zentrum in Japan.“ Das deutsche Hauptzentrum der Vipassana-Vereinigung e.V., Verein zur Förderung und Verbreitung der Vipassana-Meditation, befindet sich seit Dezember 2002 im sächsischen Triebel. Kurse werden darüber hinaus auch außerhalb der Zentren durchgeführt. Auch die weltweit vertretene Sayagyi U Ba Khin Gesellschaft und eine Reihe weiterer Traditionen vermitteln Vipassana.

Goenka will nach Eigenaussage ein neutrales Verfahren lehren, das allen Menschen dient. Vipassana sei ein universelles Heilmittel, eine Kunst zu leben. „Diese jedem frei zugängliche Technik, die nichts mit Religion oder Weltanschauung zu tun hat, strebt die vollständige Beseitigung geistiger Unreinheiten und letztendlich vollkommene Befreiung an. Heilung, jedoch nicht nur Heilung von Krankheiten, sondern das umfassende Geheiltwerden von menschlichem Leiden ist ihr Ziel.“ (Webseite der deutschen Vipassana Vereinigung) Zur Bekräftigung der Authentizität und Autorität von Goenka wird auf eine ununterbrochene Kette von Lehrern seit Buddha hingewiesen. Auch wenn hier meines Erachtens keine konflikt­trächtige Gemeinschaft beschrieben wird, zeigt sich doch deutlich eine weltanschauliche Gebundenheit des Meditationsverfahrens.

 

Die Praxis des 10 Tage Kurses

Bei der Anmeldung zu einem „10-Tage-Kurs“ wird deutlich auf die Regularien hingewiesen. Die fünf allgemein-buddhistischen Sittlichkeitsregeln, deren Einhaltung die Teilnehmer des Kurses ebenso wie Novizen bei Eintritt in ein Kloster förmlich geloben müssen, lauten: keine lebenden Wesen töten, nicht stehlen, keine (ausschweifende) Sexualität ausüben, nicht lügen, keine Rauschmittel konsumieren. Fortgeschrittenen werden drei weitere, die für Mönche üblichen acht Tugendregeln abverlangt: keine Nahrung nach 12.00 Uhr mittags, Verzicht auf sinnliche Vergnügungen und Körperschmückungen, nicht in weichen Betten schlafen.

Strenge Teilnahmebedingungen, die sich auch dem Internetauftritt entnehmen lassen, regeln das tägliche Miteinander, besser gesagt Nebeneinander, denn es gilt, „isoliert“ zu üben:

·      Den Anweisungen der Lehrer ist genauestens Folge zu leisten. Diskussionen sind uner­wünscht. Fragen lediglich zu technischen Aspekten und zur Problembehebung.

·      „Es ist absolut notwendig, für die Dauer des Kurses alle Formen des Betens, der Gottes- und Heiligenverehrung oder sonstiger religiöser Zeremonien (...) völlig einzustellen. (...) Trotz wiederholter Warnungen der Lehrer hat es Fälle gegeben, in denen Schüler diese Technik absichtlich zusammen mit irgendwelchen Ritualen oder anderen Praktiken aus­geübt haben und sich dadurch ernsthaft geschadet haben.“

·      „Alle Kursteilnehmer müssen von Kursbeginn bis zum Morgen des letzten vollen Kursta­ges ‚Edle Stille’ einhalten. Edle Stille bedeutet Stille von Körper, Sprache und Geist. Jede Art von Kommunikation mit den Mitmeditierenden, einschließlich Gesten, Zeichen­sprache Notizen o.ä. ist untersagt.“ „Aber auch diese [notwendigen] Kontakte [mit Lehrern und Management] sollten sich auf ein Minimum beschränken. Die Kursteil­neh­mer sollten das Gefühl entwickeln, isoliert zu arbeiten.“

·      „Es ist wichtig, dass für die Gesamtdauer des Kurses jeglicher Körperkontakt zwischen Personen gleichen oder verschiedenen Geschlechts vermieden wird.“

·      „Die Schüler müssen während des gesamten Kurses innerhalb des abgesteckten Kursge­ländes bleiben. (...) Bis zum Ende des Kurses ist keine Kommunikation nach draußen, zum Beispiel über Briefe, Telefonanrufe oder Besucher erlaubt. Mobiltelefone (...) müssen bis zum Kursende hinterlegt werden.“

·     keine Bücher, Schreibmaterialien, Musikinstrumente, Radio

·      keine körperlichen Betätigungen wie Yoga oder Jogging

·      einfache vegetarische Mahlzeiten, weder Tabak noch Alkohol

Der straff geregelte Tagesablauf beginnt mit Gong um 04:00 Uhr. Täglich sind vier einstün­dige Gruppenmeditationen und insgesamt sieben Stunden Einzelmeditation zu absolvieren. Unterbrochen werden die Sitzungen durch Frühstücks-, Mittags- und Teepause. Auch für die Anfänger gibt es kein Abendessen. Zwei Gelegenheiten für Gespräche mit dem Lehrer dienen lediglich der Klärung eventueller Schwierigkeiten bei der Durchführung der Technik. Auch beim Abendvortrag sind weiterführende Gespräche oder Diskussionen unerwünscht. Um 21:30 Uhr ist Nachtruhe. Die Kursteilnehmer sollen den Kurs nicht aus eigenem Entschluss vorzeitig verlassen. Bei Regel-Verstößen können Teilnehmer ausgeschlossen werden. Die Kurse sind kostenfrei, doch wird gebeten, durch Spenden den nachfolgenden Interessierten ebenfalls Kurse zu ermöglichen. Die Teilnahme an weiteren Kursen wird empfohlen.

 

Kritik an den 10 Tage Kursen

Das Vipassana Meditationsverfahren wird auch von anderen Anbietern angeboten. Die Kritik bezieht sich insbesondere auf das Standard-Angebot des 10-Tage Kurses nach Goenka. Vipassana gilt den Anhängern als die wahre, von Buddha selbst gelehrte Medita­tion. Eine kritische Hinterfragung des universellen Heilmittels ist daher quasi unmöglich. Bei solch umfassenden Exklusivitätsansprüchen ist aber generell Vorsicht geboten.

Das strikte Reglement der Kurse, der Kommunikationsstop nach außen, die Verhinderung eines Erfahrungsaustausches sind problematisch. Diese völlige Unterordnung der Schüler begünstigt psychische Manipulation und Abhängigkeiten. Gewisse, teils ähnliche Regeln und Einschränkungen sind bei Kursen dieser Art zwar üblich, sogar zur Konzentration notwendig. Auch bei Einkehrtagen in christlichen Klöstern wird auf die Einhaltung mitunter strenger Regeln geachtet. Doch zum Erlernen eines Meditations-Verfahrens die Autonomie der Teil­nehmenden derart zu beschneiden, widerspricht seriösen Kursbedingungen und steht im Widerspruch zu einer verantwortlichen Vermittlung solch sensibler Themen.

Es ist insbesondere für einen Anfänger in Sachen Meditation nicht leicht vorstellbar, welche Belastung die künstliche Situation durch die ungewohnte Reduktion von Außenreizen und die Konzentration auf sich selbst darstellen kann. Auch für einen gesunden Menschen ist eine geschulte Begleitung notwendig. Zwar wird im Anmeldeformular nach der physi­schen und psychischen Gesundheit gefragt. Schlussendlich unterschreibt der Teilnehmer, dass ihm bewusst ist, dass die Vipassana-Meditation eine gute körperliche und psychische Gesund­heit voraussetzt. Und dass ihm bewusst ist, dass keine Haftung für etwaige physi­sche oder/ und psychische Beeinträchtigungen während oder nach Besuch des Kurses übernommen wird. Als Abschreckung dient wohl der folgende Hinweis: „Gelegent­lich kamen Menschen mit ernsten psychischen Störungen zu Vipassana-Kursen, voller unre­alistischer Erwartun­gen, dass die Technik ihre psychischen Probleme werde heilen oder lindern können (...) Da die Kurse meistens von nicht speziell therapeutisch geschulten Personen organisiert und durch­geführt werden, ist es uns leider nicht möglich, Menschen mit einem solchen Hinter­grund angemessen zu betreuen.“ Da in der Tat gerade Menschen in Umbruch-Situationen, teils auch mit Traumata und Erkrankungen sich Hilfe in solchen Verfahren erhoffen, ist es um so wichtiger, dass erfahrene Leiter hinter solchen Angeboten stehen um auftretende Prob­leme rechtzeitig erkennen zu können. Es ist keineswegs davon auszugehen, dass Teil­nehmer mit entsprechenden Problemen sich derer immer bewusst sind.

Ein Interessent ohne vorherige Erfahrung sollte zunächst eine einfachere Meditations- oder Kontemplationsmethode wählen. Bei intensiven Verfahren ist ein höchstens drei-tägiger Kurs zu empfehlen. Zu achten ist natürlich auf die Seriosität des Anbieters. Dies lässt sich bei einem Informationsgespräch auch an den transparenten Kursbedingungen und insbesondere der Möglichkeit offener und auch kritischer Rückfragen erkennen. Eventuell sind auch Ent­spannungsverfahren wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung ange­messene Alternativen. Umgekehrt können Erfahrungen mit Entspannungstechniken für das Erlernen einer Meditationsmethode von Nutzen sein.

Es sei auf die Kriterien zu Seminaranbietern hingewiesen. Sie sind auf der Webseite der Beratungsstelle zu finden oder werden bei Bedarf gerne zugesandt. Weitere Informationen der Psychologischen Fachgruppe Entspannungsverfahren finden sich unter www.Entspannungsverfahren.com oder sind als Merkblätter von der Geschäftsstelle gegen 1,45 € Rückporto zu beziehen: DP Elisabeth Westhoff, Semmelweisstraße 10, 50767 Köln.

 

Ergänzender Kommentar zum Erfahrungsbericht :        

  „Gestern bin ich aus einer Art Sekte geflohen“

Auch wenn es sich schlussendlich doch nicht um eine dramatische Flucht handelt, werden in diesem teils auch humorig geschriebenen Bericht sehr schön einige konfliktträchtige Merk­male deutlich, so dass der Leser den Anfangssatz und die beschriebenen Ängste gut nach­fühlen kann. Der Bericht ist aus einer subjektiven Sicht geschrieben. Gerade das macht ihn wegen der Schilderungen der Empfindungen und Zweifel wertvoll. Die geschilderten Umstände sind aus meiner Sicht glaubhaft. Ähnliche Erfahrungen mit dem 10-Tage Kurs wurden auch von weite­ren ehemaligen Teilnehmern geschildert. Das bedeutet aber nicht, dass andere Teilnehmer dieses Kurses nicht eine abweichende, auch positivere Sicht haben können. Ich möchte die Vipassana-Vereinigungen, welche die Meditationskurse nach S. N. Goenka und seinen Assistenzlehrern organisieren, nicht generell als gefährliche Gruppierung bezeichnen. Doch können die oben kritisierten Strukturen eben auch zu solchen Konflikten führen, wie sie die Autorin des Erfahrungsberichtes beschreibt.

Die Autorin wählte diesen Kurs unter anderem deshalb aus, weil er laut Selbstdarstellung neutral sei und nicht in Konflikt zu einer Religion stehe. Die Behaup­tung der Neutralität des Verfahrens soll den Teilnehmenden die Sorge vor religiöser oder sektiererischer Beein­flussung nehmen. Doch wenn die Teilnehmenden dies für sich anders empfinden, ist das ihr je eigenes Problem, das nicht offen angesprochen werden kann. Die Abendvorträge legen hier noch nach und disqualifizieren eventuelles Unwohlsein im religi­ösen Empfinden als Beweis für den eigenen Missstand und die Notwendigkeit strengeren Übens. Abwertende Bemerkungen zu Religionen, da sie der Übung im Wege stehen, sind nicht nur angesichts des eigenen Anspruchs, eine neutrale Technik zu lehren, inakzeptabel. In Verbindung mit dem Buddhistischen Leid-Gedanken und der Reinkarnationslehre sind sie auch widersprüch­lich. Das restriktive Verbot eigener religiöser Praxis ist nur bedingt sinnvoll.

Die Lehrer sprechen nicht, Goenka spricht als nicht befragbare Autorität vom Band. Das Nachsprechen der Regeln und der Bitte um Einweihung in das Verfahren – in einer den Teil­nehmern unbekannten Sprache – ist ein religiöses Ritual. Die Forderung, sich Regeln und Lehrern bedingungslos zu unterwerfen, das wiederholte Beschwören von Gefahr bei Vermi­schung der Technik mit anderem, sowie der drastische Vergleich zur Gehirnoperation, können Ängste erzeugen. All dies begünstigt ein unangemessenes Autoritätsgefälle und quasireligiöses Ehrfurchtsgebahren, das zu der Vermittlung einer bloßen Technik in starkem Kontrast steht. Das strenge Reglement bildet quasi eine eigene „Lehre“, deren Befolgung gewinnt Ritualgestalt. Im Sinne einer die Konzentration fördernden Strukturierung ist genau dies gewünscht. Die ideologische Übersteigerung der Regeln weit über den praktischen Nutzen hinaus scheint aber eher der Kontrolle zu dienen. Die tatsächlich möglichen Miss­ver­ständnisse, Komplikationen und Gefahren sind dagegen kaum im Blick. Angesichts der Umstände der Rückfragemöglichkeiten (das Anmel­den müssen, Knien vor den Lehrern, stereotype Antworten von oben herab) wird auch das selbstverständliche und notwendige Gespräch mit den Lehrern eher noch zum Machtinstru­ment pervertiert. Die Suche nach Authentizität und Autorität führt hier schnell zu regressiver Ergebenheit und damit zur Akzeptanz von Grenzüberschreitungen.

Schön wird die Auswirkung der Kommunikationssperre deutlich. Durch das Schweigen wird keine Kritik „laut“. Die innere, kritische Stimme bleibt allein gegen das „Einverständnis“ der anderen und wird einem selbst unangenehm. Der Wendepunkt kommt, als weitere stumme Kritik in den gepackten Koffern sichtbar wird.

„Du musst noch viel lernen!“ ist ein Satz, der die Hierarchie wieder herstellen soll und dem anderen falsches Verhalten attestiert. Die Absicht, die Polizei einzuschalten ist angesichts der Beschneidung der Rechte angemessen. Wie sich herausstellte, hat sich die Managerin auch in den Augen der Kollegin falsch verhalten. Das beschriebene Verhalten zeigt die Unerfahrenheit auf, aber auch den programmatischen Vorrang der Regeln gegenüber den Rechten und dem Empfinden des Einzelnen. Die Zielsetzung der Befreiung von Unfreiheit, erscheint angesichts dessen wie Hohn. Die eigene Verantwortung um für sich und sein Wohlbefinden Sorge zu tragen, darf auch unter idealen Bedingungen nicht abgegeben werden. Es ist wichtig auf sein eigenes Gefühl zu achten statt es durch Bewertung von Außen zum Verstum­men zu bringen oder zu dämonisieren.

Die Autorin schildert ausführlich ihre Körperempfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken­gänge. Sie gehören zum normalen Spektrum der üblicherweise geschilderten Wahrnehmun­gen. Ungewohnte Körperhaltung, Selbstbeobachtung, veränderter Tagesrhythmus tragen dazu bei. Unter der disziplinierten Oberfläche kämpfen auch andere Teilnehmer mit Zweifeln, Unwohlsein, Ängsten und Ärger. Die Abendvorträge benennen die unter diesen Umständen normal auftretenden Gefühle und Schwierigkeiten und bewerten sie. Eine Bewertung der Wahrnehmungen im Kontext der weltan­schaulichen Lehre ist aber diskussionswürdig und kann nicht als allgemein akzep­tierbar vorausgesetzt werden. Aggressionen und Abneigung sind sehr wohl auch gesunde Reaktio­nen, ebenso wie sexuelle Phantasien. Sie für das Ziel der Ausgeglichenheit zu tabu­isieren ist falsch und einer eigenen Entwicklung eher abträglich. Nicht am Materiellen zu haften mag als akzeptable Anregung dienen. Die Verknüpfung zum Spenden an die eigene Organisation ist dreist. Die Beispiele sind selbstentlarvend unredlich.

Gelegentlich werden uns im Zusammenhang mit Meditations- und Yoga-Verfahren auch außergewöhnliche bzw. außersinnliche Wahrnehmungen berichtet (Halluzinationen, Erleben von Fremdgesteuert-Sein, Empfindung außerhalb des Körpers zu sein). Diese sind ange­sichts der Umstände keineswegs ungewöhnlich. Sie werden manchmal als Indizien stattfin­dender oder fehlender Entwicklungen interpretiert und können besonders manipulativ mit der jeweiligen Lehre assoziiert werden. Tatsächlich entfalten auch weitere Punkte eine manipu­lative Wirksamkeit, die von manchen sogenannten Sekten und Psychogruppen genutzt werden: Bestimmte Konzentrationsübungen können als Gedankenkontrolle genutzt werden. Spezielle Atemtechniken können besondere Wahr­nehmungszustände induzieren. Strenge Regeln, Kommunikationsverbote, Unterbinden von Kritik, volles Tagesprogramm, Schlafent­zug, Ernährungsumstellung können die eigene Befindlichkeit massiv beeinträchtigen und Abhängigkeiten fördern. Der sensible und transparente Umgang mit den Teilnehmern einer­seits und dem Reglement andererseits ist deshalb besonders wichtig.

Insbesondere für Anfänger halte ich den Kurs für denkbar ungeeignet, um in geschützter Atmosphäre und unter kompetenter Anleitung ein Meditationsverfahren zu erlernen. Allein die Dauer von zehn Tagen ist ungeeignet. Auch ein orientierendes Gespräch zu den eigenen Grenzen und denen des Verfahrens sowie eventuelle Alternativen sollte stets möglich sein.

 

Literatur:

Vipássana – 2006, Eine buddhistische Meditationsform;
Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen 6. Aufl. 2006, Gütersloh

DP Matthias Hartmann, Merkblatt Nr. 9, Meditation
Herausgeber: Psychologische Fachgruppe Entspannungsverfahren, Berufsverband
deut­scher Psychologinnen und Psychologen, http://www.entspannungsverfahren.com

( ->  nun: Deutsche Gesellschaft für Entspannungsverfahren DG-E e.V. http://dg-e.com )

Dr. Helga Lerchenmüller, Meditationstechnik nach S.N. Goenka
13. Juni 2000 III, Aktion Bildungsinformation e.V., Stuttgart

Webseite der deutschen Vipassana Vereinigung, die Meditationskurse in der Tradition von Sayagyi U Ba Khin organisieren, so wie sie von S.N. Goenka und seinen Assistenzlehrern gelehrt werden: www.german.dhamma.org (Februar 2010)

 

(wr/dvpj)