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Leben im (H)ERZgebirge - gesund und "ganzheitlich" ?
Wolfgang Rühle / 03.08.2011
Der Verein „Gesundes (H)ERZgebirge e.V. „ und das Berufliche Schulzentrum in Schwarzenberg sind am 4. September 2011 Veranstalter bzw. Gastgeber(*) der „Regenbogenmesse„. Lebe dein Leben – gesund, bunt und glücklich lautet das Motto . Bunt sind die Angebote bestimmt, ob gesund und glücklich mag dahin gestellt sein.
Der Verein „Gesundes (H)ERZgebirge e.V. „ und das Berufliche Schulzentrum in Schwarzenberg sind am 4. September 2011 Veranstalter bzw. Gastgeber(*) der „Regenbogenmesse„. Lebe dein Leben – gesund, bunt und glücklich lautet das Motto . Bunt sind die Angebote bestimmt, ob gesund und glücklich mag dahin gestellt sein. Eine Messe, die das übliche „ganzheitliche“ Repertoire einer Esoterikmesse im Angebot hat: Geomantie, Schüßlersalze, Bioenergetik, Homöopathie, Geistheilung, eigentlich fast das ganze Lexikon der Esoterik. BSZ und Esoterikmesse – eine (H)ERZige Verbindung?
Zunächst sollte die Frage geklärt werden, ob an diesem 4. September Verbildung und Bildung in den Bergen Sachsens eine eintägige Symbiose eingehen oder ob es sich um eine dauerhafte Verbindung handelt. Ersteres wäre sehr bedauerlich, liese aber hoffen, das es weniger bedenklich wäre. Letzteres wäre nicht ungewöhnlich, der Bildung der Erzgebirgler jedoch mit Sicherheit wenig zuträglich und für den Ruf der Region nicht unbedingt von Vorteil.
Erlaubt sei auch die Frage, ob dem Gastgeber BSZ Schwarzenberg bewußt ist, wem er an diesem Tage seine Räume zur Verfügung stellt.
- Wenn nicht, dann sollten sich die Mitarbeiter des BSZ über das „bio-erzgebirge„ und dessen Angebote informieren. Diese bieten ausreichend Stoff, die Schüler im neuen Ausbildungsjahr über esoterischen/“alternativmedizinischen“ Hokuspokus in der Region aufzuklären. Ein kritische Betrachtung irrationaler, Wissen und Denken konterkarierender Angebote kann auf die Schüler durchaus motivierend wirken und deren kritisches Denken und deren Bereitschaft zum Erwerb einer soliden, wissenschaftlich fundierten Ausbildung fördern. Der Unterstützung durch VIKAS kann sich der Lehrkörper sicher sein.
- Wenn doch, dann stehen dem gesunden Menschenverstand und dem rationalen Denken im Erzgebirge möglicherweise wenig erbauliche Zeiten bevor. Die Situation ist jedoch nichts aussichtslos. Auch wenn die Esoterik bei gut der Hälfte aller Bundesbürger inzwischen im Alltag angekommen ist, dem kann durch Bildung abgeholfen werden. Bildung zu vermitteln ist ja bekanntlich offiziell die Kernaufgabe des BSZ.
Belassen wir es dabei und versuchen wir auf diese beiden Fragen eine Antwort zu finden.
Die erste Frage kann einfach dadurch beantwortet werden, dass sich das BSZ klar positioniert und zwischen Bildungs- und Verbildungsauftrag wählt. Eine Mischung wäre für das BSZ wenig förderlich. Für die Esoteriker dagegen schon, könnten sie doch stolz auf die Unterstützung einer regionalen Bildungseinrichtung verweisen und so vom „Ver“ vor Bildung ablenken.
Dies setzt jedoch voraus, dass auf Frage 2 eine Antwort gefunden wird und das gestaltet sich schon etwas schwieriger. Woher die dafür notwendigen Informationen und Handlungsempfehlungen bekommen?
Von unseren Politikern? Diese sind schließlich für Entscheidungen zuständig, die die Zukunft unseres Landes bestimmen. Eine Auswahl, die wohl bedacht sein will. Nicht ohne Grund schreibt Ursula Caberta in ihrem soeben erschienen „Schwarzbuch Esoterik“ , dass unsere Politiker bis heute ihre Chance nicht genutzt und ihre Hausaufgaben bezüglich Verbraucherschutz auf dem Psychomarkt nicht erledigt haben. Trotz der Empfehlungen der Enquetekommission aus dem Jahre 1998 ist ein Lernprozesse bei dieser Gruppe nicht zu erkennen .
Wer dennoch auf diese Berufsgruppe vertraut, der sollte sich auf alle Fälle an Politiker wenden, die vor einer Entscheidung nicht unbedingt erst zum Astrologen gehen und bei Krankheit vielleicht doch eher den Hausarzt statt den Homöopathen oder eine Mischung aus beiden konsultieren. Die von amtswegen suggerierte Kompetenz kann durchaus auch in die Irre führen. Beispiele: Sachsens derzeitige Gesundheitsministerin schwört auf die Homöopathie. Helma Orosz, bis 2008 sächsische Sozialministerin, unterstützte als Schirmherrin der 2004 und 2007 vom Jirina-Prekop-Zentrum (JIPZ) Röthenbach in Hoyerswerda organisierten Symposien bewußt oder unbewußt Festhaltetherapie nach Prekop und Hellingers Familienstellen als zukunftsweisende Familientherapien.
Die Farbenlehre ist in diesem Falle auch nicht sonderlich hilfreich. Grün z.B. muss durchaus nicht nur belebend und erfrischend sein. Tendenzen zu „Bio“ sind nicht zu übersehen und es wird gemunkelt, das diese Farbe bei der Geburt von „Bio“ im esoterischen Sinne mit Pate stand.
Medien und Prominente sind auch nicht unbedingt erste Wahl. Ursula Caberta bemerkt treffend: „Das Auftreten von spirituell aufgeschlossenen Schauspielern und anderen Prominenten gehört zur gesamten Szene. …. Bei Auftritten und Talkshows, bei Interviews in den Printmedien sowie in mehr oder weniger selbst verfassten Büchern finden sich Erklärungen zum Glauben an den christlichen Gott ebenso wie Aussagen über die hilfreichen Segnungen von Yoga, Meditation, Schutzengeln, Bachblüten oder anderen Angeboten aus dem Bauchladen der Esoterik (Schwarzbuch der Esoterik S.51)“. Wozu dies führen kann, zeigt dieses exemplarische Beispiel.
Akademiker sollten es aber wissen. Ärzten mit einer soliden Ausbildung in klassischer Medizin und akademisch gebildeten Psychotherapeuten z. B. sollte man eigentlich rationales Denken unterstellen dürfen. In der Regel schon, aber…. Es ist gar nicht mehr so selten, dass neben einer kassenärztlichen Praxis parallel eine „Naturheilpraxis“ mit zahlreichen dubiosen Angeboten der sogenannten alternativen Medizin betrieben wird. Anhänger der Bhagwan-Rajneesh-Bewegung arbeiten in Sachsen als niedergelassene Ärzte mit Kassenzulassung, als Psychotherpeuten in Privatkliniken oder in eigener Praxis. Einen Teil ihrer „Weiterbildung“ haben sie in Osho-Meditationszentren absolviert. Akademiker und Wissenschaft gehen nicht unbedingt gemeinsame Wege, schon gar nicht im „Bio-Erzgebirge“. Esoteriker sind ein buntes Völkchen. Die einen distanzieren sich kategorisch von wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnissen, andere wiederum versuchen der Esoterik ein wissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen. Doch auch Verbindungen zum Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften INTRAG an der Europauniversität Viadrina machen aus gut getarntem Humbug noch lange keine Wissenschaft. Auch dann nicht, wenn in diesem Verbund angebotene „Weiterbildungen“ von der Sächsischen Landesärztekammer mit 50 Fortbildungspunkten honoriert werden.
An diesen wenigen Beispielen wird eines deutlich: Wissen zu erlangen statt Unfug zu glauben bedarf einiger Anstrengung – der eigenen „grauen Zellen“. Informationen nicht nur zu konsumieren, sondern zu prüfen und zu werten ist in jedem Falle hilfreich. Erfolgreich nachdenken und recherchieren stärkt das Selbstvertrauen und die eigene Urteilsfähigkeit – in unserer Zeit unverzichtbare Tugenden. Kritisch auf die Dinge schauen, diese hinterfragen, wissen statt einfältig glauben, ein Skeptiker sein, erspart nutzlose Besuche beim Coach, Schamanen, spirituell verbrämten Heiler oder ähnlich gelagerten „Weisen“ und nicht zuletzt manche herbe Enttäuschung im täglichen Leben.
Dies zu vermitteln ist mit Sicherheit im Sinne des Bildungsauftrages des BSZ Schwarzenberg. Der 4. September 2011 ist diesbezüglich ein gewagtes Experiment und als Bildungsprojekt nur dann geeignet, wenn man das Geschehen an diesem Tag kritisch betrachtet und dazu Stellung bezieht.
Nachtrag vom 08.08.2011.
Nach Auskunft der Schulleiterin des BSZ Schwarzenberg wurden die Räume an den Verein „Gesundes (H)ERZgebirge e.V. “ vermietet, nachdem das Landratsamt des Erzgebirgskreises seine Zustimmung erteilt hatte.