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Thüringer Plastik-Schamane im MDR
Christian Woydelko / 09.05.2010
Das is' wie wenn andere als Hobby zum Tennis gehen“ - der „Schamane“ Andreas Jacobs und Ehefrau Jeannette wollten unbedingt ins Fernsehen
Der Regionalsender MDR verhalf dem Möchtegern-"Schamanen" Andreas Jacobs und seiner Ehefrau Jeannette zu Fernsehehren.... Der Zuschauer kommt dabei aus demKopfschütteln nicht mehr heraus. Dies liegt zum einen daran, dass beide Jacobs sehr schlicht gestrickt sind – was nicht strafbar ist, klar, nur können sie dem Zuschauer ausser diesem Umstand eigentlich sehr wenig von dem vermitteln, was sie da tun. Vom wenigen Gehörten nur die Hälfte verstanden, davon die Hälfte wieder vergessen und die andere Hälfte – na ja.
Auf ihrem Grundstück in Thüringen findet laut TV-Bericht einmal im Monat eine Schwitzhütte statt, dazu noch Wochenend-Intensivseminare mit 4 Schwitzhütten an drei Tagen. Zunächst wird Jeannette an ihrem Arbeitsplatz gezeigt; sie ist Kassiererin in einem Supermarkt. Die Kolleginnen wussten noch nichts von ihrer „schamanischen Tätigkeit“; Jeannette faselt im Pausenraum etwas von „Mutter Erde“ und dem „Leib einer Schwangeren“, die Kolleginnen blicken betreten auf die Tischplatte und sagen nix. Jeannette hat nach diesem Sätzchen offenbar ihr Pulver zum Thema verschossen und sagt auch nichts mehr.
Ihr Mann Andreas kann zwar etwas mehr zur Sache sagen, aber auch dort sind die Grenzen nicht sehr weit gefasst. Dem Fernsehteam hat er offenbar seinen Werdegang beschrieben, denn der Kommentator spricht von „Besuchen bei einem indianischen Medizinmann“ (dessen Name nicht genannt wird), beschreibt danach eine Teilnahme bei einer Nachahmung eines Sonnentanzes, und pronto! war Andreas nach dem Sonnentanz gleich „Schamane“! Bitte wie? Nein, indianischen Traditionen entspricht dies nun ganz und gar nicht. Der Tradition des Profitmachens dagegen schon. Dies bleibt auch nicht die einzige Stelle im TV-Bericht, an der dies deutlich wird.
So wird Andreas Stiefvater kurz interviewt. Der berichtet, Andreas sei lange arbeitslos gewesen, er sei gelernter Maurer, habe dann auf Erzieher umgesattelt und eine Zeit lang in den alten Bundesländern alle möglichen Arbeiten gemacht, „für die sich die Türken zu gut waren“. Und schliesst mit einer Bemerkung zu den „schamanischen Aktivitäten“: „Wenn das eine Möglichkeit ist, ein paar Pfennig zu verdienen, ist das ja nicht schlecht.“ Wenn man denn bei einem Ausbeuter indianischer Spiritualität lernt und selbst eso-konform verschleiernd von „Energieaustausch“ spricht, kann man auch anderen eben nur vermitteln, dass es ums Geld geht.
Dass die Jacobs nichts anderes machen, als Zeremonien zu verkaufen, geht aus den Informationen hervor, die sie offensichtlich dem Filmteam gaben: der Kommentator erwähnt deutlich, dass die Einnahmen der Jacobs aus diesen Zeremonien einen „Teil des Haushaltsbudgets“ decken, den Rest verdiene Jeannette als Kassiererin im Supermarkt. Hiermit ist dann wunderschön klargestellt, dass die Jacobs ein profitorientiertes Unternehmen betreiben, von dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen und sich bereits teilweise daraus finanzieren. So sind z.B. für die im Film gezeigte Veranstaltung pro Teilnehmer € 200 fällig, inklusive Kost und Logis. Jeannette kocht selbst, die Unterkünfte für die Gäste werden erst gar nicht gezeigt. Bei den Filmaufnahmen waren 13 Teilnehmer für dieses Wochenende gebucht. Das Geschäft läuft anscheinend so gut, dass bald eine zweite Schwitzhütte in Betrieb genommen werden soll. Dass Frau Jacobs die zahlenden Gäste in ihrer eigenen Küche bekocht, die allerdings den Ansprüchen der Gewerbeaufsicht nicht genügt, sei am Rande vermerkt.
Die Filmaufnahmen zeigen Andreas Jacobs bei einem Telefonat mit einem Kunden, der zur Schwitzhütte kommen will; Jacobs erklärt, was mitzubringen ist. Unter anderem soll der Kunde „zwei faustgroße Steine“ in den Koffer packen. Der im Filmbericht vorgestellte Kunde Alexander berichtet, er habe am Vorabend zwei Steine gefunden – nein, vielmehr „Die Steine haben mich gefunden“. Alexander ist offenbar regelmäßiger Kunde der Jacobs.
Allerdings kann die Praxis, die Teilnehmer Steine aussuchen zu lassen, lebensgefährlich sein! Nicht jeder Stein ist geeignet: es gibt Gesteinsarten, die beim Erhitzen platzen, Teilstücke können wie Geschosse durch die Gegend fliegen. Offenbar werden die Kunden nicht weiter beraten, welche Steinarten geeignet bzw. ungeeignet sind!
Ebenfalls lebensgefährlich ist Jacobs Praxis, die Schwitzhütte mit Plastikplanen abzudecken, da sich dadurch die Hitze im Inneren staut. Genauso lebensgefährlich (siehe die Todesfälle 2009 in Arizona) kann es werden, sich Jacobs in der Schwitzhütte anzuvertrauen. Ein besorgter Kunde, der bereits vorher Bedenken hat, ob er die drei Stunden! in der Schwitzhütte aushalten kann, wird von Jacobs ermutigt, Mutter Erde werde sich schon um ihn kümmern. Zwar gibt es zwei Pausen (nach der ersten bzw. der zweiten Stunde); den Teilnehmern wird aber nicht deutlich erklärt, dass eine traditionelle indianische Schwitzhütte selbstverständlich jederzeit verlassen werden kann. Der gezeigte Teilnehmer hat sich nach der zweiten Pause durchsetzen und die Hütte verlassen können; nach der ersten Pause wurde ihm das offenbar noch nicht gestattet, obwohl er bereits da herauswollte. Im Gespräch mit dem Kunden baut Jacobs zudem einen psychischen Druck auf, der den Kunden veranlassen soll, die gesamte Zeit von drei Stunden durchzuhalten. Sowohl dies wie auch die Zeitdauer sind mit einer indianischen Schwitzhütte nicht zu vereinbaren.
Hieran wird sehr deutlich, dass die Weitergabe indianischer Zeremonien in Europa offensichtlich mit einem erheblichen Informationsverlust verbunden ist. Die Jacobs haben laut ihrer Webseite bei einem „Schamanen“ gelernt, der seinerseits behauptet, bei einem indianischen Medizinmann ausgebildet worden zu sein. Wenn dem so ist, müsste ihr Lehrer all dies wissen und weitergegeben haben.
Was beim Lehrer der Jacobs zu lernen war, ist anscheinend nicht sehr umfangreich. Denn nicht nur diese Kenntnisse fehlen, die sehr dünnen Ausführungen der Jacobs zur Bedeutung der Schwitzhütte sind ebenfalls peinlich. Ebenso peinlich ist, dass Jacobs offensichtlich keinerlei Schwitzhüttenlieder gelernt hat. Natürlich gibt es dabei die kleine Schwierigkeit, dass er diese dann auch in einer indianischen Sprache singen müsste. Da mehrmals die Lakota genannt werden, sollte er entsprechende Lieder auf Lakota singen können. Statt dessen hört man zum Abschluß der Schwitzhütte lediglich die Teilnehmer gemeinsam mehrere Male „heya heya“ grölen; Gesang wäre etwas anderes als diese Rufe. Ausserdem wird gezeigt, wie die Kunden mit Jacobs am Nachmittag vor der Schwitzhütte zusammensitzen. Jeder hat eine Trommel in der Hand, auf die nach Kräften eingeschlagen wird. Es handelt sich dabei nicht um indianische Trommeln und auch der Rhythmus ist alles andere als indianisch. Auch hier keinerlei Gesänge in einer indianischen Sprache.
All dies verdeutlicht, dass das Angebot der Jacobs auf der Ebene der Persiflage angesiedelt ist; sie praktizieren eine verzerrte und entstellte Form indianischer Spiritualität, deren Ursprünge und Bedeutung sie bestenfalls in Ansätzen kennen. Sie geben ein sehr geeignetes Beispiel dafür ab, warum viele Indianer es strikt ablehnen, dass Europäer sich ihre Spiritualität aneignen wollen.
Den heftigsten Spruch lässt Frau Jeannette während der Dreharbeiten beim Kochen ab. Während sie zwei Salatköpfe von hier nach da schiebt und einen in eine Schüssel legt, berichtet sie, man sei halt in einer Beziehungskrise dazu gekommen, weil man etwas Neues suchte und sie hätten vorher auch gar nicht wissen können, ob das was für sie sei, aber nun mache man das eben gemeinsam: „Das is' wie wenn andere als Hobby gemeinsam zum Tennis gehen“!
Liebe Familie Jacobs – dann geht doch bitte ab jetzt zum Tennis und verkneift euch den Verkauf indianischer Zeremonien, von denen ihr so gut wie nichts verstanden habt, ausser dem Fehlschluß, dass man damit Kohle machen kann.
Kommentar zum Beitrag nah_dran | MDR FERNSEHEN | 22.04.2010 | 22:35 Uhr / --> weitere Informationen /