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Protokoll einer Radikalisierung

Von der esoterischen Lebenshilfe zum Angstregime

Autoren: Regina Spiess und Edith Lier / infoSekta 2011


Die «mediale» Beraterin und Satsang-Vertreterin VW aus Dottikon (AG) ist Kopf einer kleinen esoterischen Gruppe, die wesentliche Merkmale einer «Sekte» aufweist. VW versteht sich als Eingeweihte, die Zugang zu «höherem Wissen» hat. Die Gruppenmitglieder sind der tiefen Überzeugung, ohne sie kein erfülltes Leben führen zu können. Sie verbringen ihre gesamte Freizeit bei gemeinsamen Gruppenanlässen und wenden dafür viel Geld auf. Mittlerweile wohnen die meisten Mitglieder in unmittelbarer Nähe ihrer Meisterin. Durch die Wohnsituation, private Dienstleistungen, gegenseitige Arbeitsbeziehungenund Kreditvergaben sind sie in ein Netz von Abhängigkeiten verstrickt. Demütigungen gehören zum Gruppenalltag, besonders alarmierend sind die schweren körperlichen Übergriffe. Mit dem dargestellten Fall will info-Sekta dafür sensibilisieren, dass gerade im Bereich der Esoterik schwere Abhängigkeiten entstehen können. Der Artikel ist aber v.a. ein Appell an alle Nochmitglieder, ihre Gruppenzugehörigkeit kritisch zu reflektieren.

 

Oft beginnt es harmlos. Nicht alltägliche Massagen, Yoga, Reiki, Coaching und unzählige ähnliche Angebote versprechen Entspannung, Wohlbefinden oder bisher nicht erkannte Entwicklungsmöglichkeiten. Die Anbieter versprühen Charme und zeigen Verständnis für die Wünsche und Sehnsüchte der Klienten.

Andererseits sind es Enttäuschungen, verflogene Hoffnungen oder gar Verzweiflung, die Menschen zu nicht alltäglichen Schritten bewegen und für esoterische Angebote empfänglich machen.

Der Esoterikmarkt, ein Sammelsurium unterschiedlichster Lebenskonzepte und Methoden, etabliert sich zunehmend in unserer Gesellschaft. Es bedarf weder besonderer Fähigkeiten noch eines ausgefeilten Konzeptes, um sich auf diesem Markt als Anbieter zu positionieren. Esoterische Angebote entziehen sich angeblich menschlichen Sinnen und wissenschaftlichen Methoden, können somit auch nicht hinterfragt werden. Kein Risiko also für esoterische Anbieter, um so größer dafür das Risiko für den Konsumenten. Esoterische Methoden und Lehren weisen ein hohes Abhängigkeitspotential auf, verbreiten vielfach Allmachtsphantasien und nicht haltbare Heilsversprechen, können in letzter Konsequenz die persönliche Identität zerstören.

Was oft harmlos beginnt, endet nicht selten auf einem niemals endenden "Weg der Selbsterfahrung". Die Einstiegsphase wird in der Regel positiv empfunden, weckt nicht selten euphorische Gefühle. Scheinbar neue, bisher ungeahnte Möglichkeiten eröffnen sich auf der Suche nach dem eigenen ICH, alles scheint möglich. Zunächst meist allein, später dann in der Gruppe. Die wenigsten werden wahrnehmen, dass genau dies der entscheidende Schritt auf dem Weg in eine "freiwillig gewählte Entmündigung" sein kann.

Nicht jeder Kontakt mit der Esoterik muss zwangsläufig in einer Abhängigkeit, in einem blinden Glauben oder Gehorsam enden. Wer täglich sein Horoskop liest, muss noch lange keine esoterische Weltanschauung vertreten. Er muss sich nur ständig darüber im klaren sein, dass Sterne niemals lügen, Astrologen aber schon. "Sterne haben eine größere Tagesordnung, und darin kommen die Petitessen des menschlichen Treibens nicht vor“, wie Dawkin es treffend formulierte. Um so genauer sollten wir darauf achten, was esoterische Irrlichter uns über das Universum und nicht erklärbare Energien einreden wollen. Manchmal ist es relativ einfach, solange man sich selbst, seinem gesunden Verstand vertraut und seine Sinne entsprechend ihrer Bestimmung zu nutzen versteht. Nicht immer kann man sich dessen aber sicher sein: Esoterik wird heute als Ausdruck individueller Spiritualität teilweise gesellschaftlich akzeptiert, akademische Einrichtungen sind längst infiziert, akademische Grade werden benutzt, esoterischen Angeboten den Anschein von Seriosität zu verleihen. Das Wirtschaft und Politik auf diesem Gebiet nicht aussen vor bleiben, dies sei hier nur ergänzend erwähnt.

Der von infoSekta protokollierte "Fall Dottikon" ist typsich und dennoch aussergewöhnlich zugleich, resümieren die Autoren. Typisch sind in diesem Fall die angewandten Mittel und Methoden, Menschen zu interressieren, zu binden und in die Abhängigkeit zu führen, aussergewöhnlich wegen des Ausmasses an ausgeübter psychischer Gewalt - so unsere Erfahrungen - durchaus nicht,

Noch etwas macht der Artikel deutlich: Sekten, Psychogruppen, Kulte unabhängig von ihrer Größe - sie rekrutieren ihre Mitglieder im Alltag nicht selten auf anfänglich scheinbar harmlose, unverfänglich Art. Oftmals unbemerkt werden Betroffene vereinnahmt - bis der Rückweg schwierig, für manchen scheinbar zu schwierig wird. Die Möglichkeit des Ausstiegs besteht jedoch immer !!

(wr/dvpj)

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