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Hinduistischer Kontext , Hinduistisches Guru-Prinzip
Wolfgang Rühle
1. Ursprung des Hinduismus
2. Das Kastensystem
3. Die Weltzeitalter
4. Was erwartet ein Hindu von seiner Religion
5. Die religionsgeschichtliche Stellung des Hinduismus
6. Das hindusitische Guru-Konzept
7. Guruismus und westlicher Kulturkreis
vikas - Hinduistischer Kontext
1. Ursprung des Hinduismus
Als Ursprung des Hinduismus gilt die vedische Religion.
Die wichtigsten Schriftzeugnisse aus jener Zeit liegen in den vier Veden (Veda -geheiligtes Wissen) vor, die auch als die vier Sammlungen (samhitas) bezeichnet werden.
In der Zeit zwischen 800 und 600 vor Christi entstanden Kommentartexte zu den Veden, die für die Priester (Brahmanen) detaillierte Erklärungen zum Vollzug des Opferkultes und anderer Zeremonien enthalten („Brahmanas“).
Eine dritte Kategorie von Schriften bilden die ebenfalls in diesem Zeitabschnitt verfassten „Waldbücher“ („Aranyakas“) und „Geheimlehren“ („Upanishaden“), esoterisch philosophische Abhandlungen, die äußeren priesterlichen Handlungen einen symbolischen Sinn beigelegten.
Diese drei Gruppen von Schriften enthalten die „shruti“, das Gehörte oder Offenbarte.
Der Inhalt war absolut heilig und wurden drei oberen Kasten zugänglich. Den Angehörigen der untersten Kaste war das Studium dieser Schriften verboten.
In der Spätphase der vedischen Religion, in der Zeit von 500 vor Christi bis 500 nach Christi, in der sich unter der Herrschaft der Brahmanen die Opferwissenschaft zu einer Wissenschaft von den im Opfergeschehen wirksamen Kräften und Gesetzen des Kosmos wandelte (vergleiche Stietencron ), entsteht auch die Lehre von Karma und Reinkarnation. Außerdem gilt das Interesse jetzt mehr der Frage nach der Erkenntnis und nach dem Wissen um die Zusammenhänge von „brahman“, der Weltenseele, und „ atman“, dem individuellen ewigen selbst des Menschen.
Zu den Gemeinsamkeiten der verschiedenen hinduistischen Religionen gehören unter anderem das Deutungsmodell von Karma und Reinkarnation, rituelle Götterverehrung, das Kastensystem und die Lehre von den Weltzeitaltern.
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2. Das Kastensystem
Kasten werden heute noch als Ausdruck einer unveränderlichen Weltordnung und des ewigen Weltgesetzes (dharma) verstanden und bejaht. Man wird Mitglied einer Kasse durch Geburt und gehört ja ein Leben lang an: ein Aufstieg in eine höhere Kaste ist nicht möglich. Die Angehörigen der unterschiedlichen Kassen haben bestimmte rituelle Handlungen zu vollziehen sowie Vorschriften im Hinblick auf die Ernährung und den Umgang mit anderen Menschen zu beachten. Die Zugehörigkeit zu Hinduismus setzt üblicherweise die Zugehörigkeit zu einer Kasse voraus.
Inhaltsverzeichnis
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3. Die Weltzeitalter
Die Hindus stellen sich die Geschichte als einen endlosen Kreislauf sich einander ablösender und ständig wiederholender Weltzeitalter vor, wobei jeweils vier Perioden (yugas) ein großes Weltzeitalter (maha-yuga) bilden. Die einzelnen Perioden sind das krita-yuga, das treta-yuga, das dvapara-yuga und das kali-yuga.
Die Zeitperioden unterscheiden sie auch qualitativ. Im krita-yuga herrschen paradiesische Zustände. Mit jedem folgenden Yuga verschlechtert sich die Situation erkennbar. Im kali-yuga erreichen die moralischen, ethischen und sozialen Verhältnisse schließlich ein Tiefpunkt das dauert an bis zum Beginn eines neuen krita-yuga. Nach hinduistischer Auffassung leben wir seit dem 17. Februar 3102 vor Christi (Todestag Krishnas) im bösen kali-yuga.
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4. Was erwarten die Hindus von ihrer Religion
Die Gläubigen des Hinduismus erwarten von ihrer Religion Antworten auf Fragen wie in anderen Religionen auch. Wie ist die Welt entstanden und was ist das Ziel der Weltgeschichte? Welche Beziehung besteht zwischen Göttern und Menschen? Warum gibt es das böse in der Welt? Wie kann der Mensch dem Leid entfliehen und das Heil erlangen? Was kommt nach dem Tode? Usw. Die Antworten finden die Hindus in den verschiedenen Kosmologien, die ihre Religion hervorgebracht hat, in den Mythen, Götterlegenden und besonders im Deutungsmodell von Karma und Reinkarnation.
Die für einen Hindu wichtigsten Aspekte sind jedoch die praktischen Wege, die der Hinduismus weist, um zur Erleuchtung und schließlich zur Erlösung zukommen: u. a. Meditation, Askese und Yoga sowie rituelle Guru- und Götterverehrung. Jeder Hindu hat die Möglichkeit, einen für ihn gangbaren Weg auszuwählen, um dann das Ziel durch eigene Anstrengung zu erreichen.
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5. Die religionsgeschichtliche Stellung des Hinduismus
Der Hinduismus unterscheidet sich in drei zentralen Punkten von anderen Religionen und nimmt deshalb in der Religionsgeschichte eine besondere Stellung ein:
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Der Hinduismus lässt sich nicht auf einen historischen Stifter oder religiösen Gesetzgeber zurückführen.
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Im Hinduismus gibt es keine Dogmen, keine formulierten Glaubensbekenntnisse
oder verbindlichen theologischen Aussagen über Gott, den Menschen und die Welt. -
Der Hinduismus hatte ursprünglich weder größere Massen noch Einzelne aus anderen Kulturkreisen zu sich bekehren wollen. Seit der Jahrhundertwende hat sich dies allerdings geändert (Guruismus), sodass man heute durchaus von einem missionierenden Hinduismus sprechen kann.
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6. Das hinduistische Guru Konzept
Nach traditionellem Verständnis wird man Hindu durch die Geburt, genauer durch das hineingeboren werden in eine der vier Kasten. Zumindest seit Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich diese Behauptung nicht aufrechterhalten. Gerade die heutige Guru-Szene ist als eindeutiges Ergebnis einer seit Jahrzehnten zu beobachtenden hinduistischen Expansion zu betrachten.
Die Herkunft des Begriffes Guru ist nicht geklärt. Heute wird das Wort (in Indien und im Westen) allgemein als Bezeichnung für eine spirituellen Lehrer gebraucht.
Bei der Guru-Schüler-Beziehung geht es immer um die Vermittlung des Verhältnisses des Menschen zum göttlichen, das heißt des atman zum brahman. Durch Meditationskonzentration, so wurde gelehrt, kann der Mensch zu der Erkenntnis kommen, dass atman und brahman in ihrem Wesen identisch sind; dieses Wissen (jnana) führt zu individuellen Erlösung (moksha), zur Beendigung des ewigen Kreislaufes des der Reinkarnation.
Da das größte Hindernis auf dem Weg zur Erlösung Unwissenheit ist, braucht der suchende einen Lehrer beziehungsweise Führer, der den Weg des Wissens zeigt. Dieser Weg führt durch die Unterscheidung von Realität und Illusion hindurch bis zum höchsten Bewusstseinsstand, indem die letzte Wahrheit erkann wirdt. Nur jemand, der dieses Ziel schon erreicht hat, ist auch in der Lage, anderen den Weg zu zeigen. Das ist der Guru.
Gurus bilden normalerweise klösterlichen Wohngemeinschaften, so genannte Arshrams, in denen sie mit ihren Anhängern zusammenleben. Hat sich ein Suchender entschlossen, bei einem bestimmten Guru zu bleiben, und ist die gegenseitige Prüfung positiv verlaufen, so wird der Interessent als Schüler (chela) angenommen. Nach einigen Wochen oder sogar Monaten der Eingewöhnung erhält der Schüler seine Initiation (diksha): der Guru übergibt ihm im Rahmen einer kleinen Zeremonie, an der kein anderer teilnimmt, ein zu seiner Überlieferungslinie gehörendes Mantra (geheim zuhaltende Klangsilben).
Jedes Mantra ist ein Codewort für einen Hindu-Gottheit. Durch das ständige wiederholen (japa) der Klangsilbe bei der Meditation, so die hinduistischen Lehre, kann der Schüler mit dieser Gottheit in Kontakt kommen und sich deren spirituelle Energien, die als im Mantra gebündelt vorgestellt werden, zu Nutze machen.
Im Laufe der Zeit soll die Mantrameditation eine besondere Triebkraft entwickeln, die den Schüler den Guru und die Gottheit schließlich eins werden lässt.
Wenn der Guru für den Schüler die Verkörperung des höchsten Seins in der Welt ist, ihm Leben schenkt, die Sünden vergibt, Karma abbaut und Erlösung garantiert, kann er natürlich von seinen Schüler auch alles verlangen. In den einschlägigen Schriften wird deshalb immer wieder hervorgehoben, dass es die Aufgabe des Schülers sei, all seine Gedanken, Worte und Aktivitäten ständig auf den Guru auszurichten und in dessen Dienst zu stellen.
Fast jede Gurugruppe kennt verschiedene, im Jahresverlauf zu begehende Feste, die teils allgemein hinduistischer Herkunft sind, teils mit persönlichen Daten des Meisters zusammenhängen. Bei solchen Gelegenheiten mit der Guru normalerweise nach einem festgelegten Zeremoniell verehrt.
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7. Guruismus und westlicher Kulturkreis
Ende der Sechziger Jahren traten im Westen verstärkt Gemeinschaften der neue religiösen Bewegung in Erscheinung, dazu gehörten auch aus Indien stammende Gemeinschaften.
Fast alle diese Gruppen mit hinduistischem Hintergrund weisen als charakteristisches Merkmal eine zentrale Gestalt auf, um die sich Leben und Glauben der Anhänger dreht: den Guru. Im Gegensatz zu den meist ihrer Exklusivität und Einmaligkeit betonenden Propheten anderer Kulte berufen sich diese spirituellen Führer eine besondere religiöse Tradition: sie behaupten, dass die von ihnen beanspruchte Authentizität durch das Jahrtausend alte Hindukonzept des Guru verbürgt sei.
Die sechziger Jahre brachten im Westen einen regelrechten Ansturm hinduistischer Ideen und Praktiken, die sich allerdings nicht mehr bei den Gebildeten, sondern in der Subkultur von Hippies und Flower-Power etablierten. Als indische Yogis und Gurus in der von Drogenerfahrung geprägte Szene von Bewusstseinsänderung und Erleuchtung sprachen, stießen sie weitgehend auf offene Ohren.
Wenn sich Hindus in Indien einen Guru als spirituellen Lehrer wählen, unter dessen Anleitung sie Meditation und Yoga praktizieren und damit den Weg zur Erlösung beschreiten wollen, dann bleiben sie im Kontext ihrer heimatlichen Kultur, Religion und religiösen Sozialisation.
Schließen sich jedoch Menschen aus dem westlichen Kulturkreis einem missionierenden Guru an können Probleme unterschiedlichster Art die Folge sein.
Problematisch wird die Situation besonders dann, wenn junge Menschen nicht, wie viele Gurus behaupten, durch sie zu kritischer Mündigkeit und Reife gebracht werden, sondern (im Gegenteil) in absolute psychische und mentale Abhängigkeit zu ihrem Meister geraten. Unter dem Einfluss der neuen Guruautorität werden Lebensplanung und Lebensführung zum Beispiel im Hinblick auf Studium, Ausbildung und Beruf oft radikal und nicht im positiven Sinne verändert. Häufig verlieren Guruanhänger in diesem Zusammenhang den Sinn für die Realität, das heißt das Gefühl dafür, was unter gegebenen Umständen möglich oder nicht möglich ist.
Bibliographie
1. Handbuch Religiöser Gemeinschaften, 4. Auflage,Gütersloher Verlagshaus 1993
2. Friedrich-Wilhelm Haack: Guruismus und Guru-Bewegungen; evangelischer Presseverband für Bayern, München 1982
3. Friedrich-Wilhelm Haack: Die "Bhagwan"-Rajneesh-Bewegung, evangelischer Presseverband für Bayern, München 1984