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Was ist eine Sekte?
Dr. Hansjörg Hemminger
Quelle: http://www.gemeindedienst.de/weltanschauung/texte/wasistsekte.htm
Ursprünglich bedeutet das Wort Sekte (lateinisch secta) "Partei" oder "Schule". Es leitet sich von dem lateinischen Verb "sequi" (folgen) ab, wahrscheinlich nicht von "secare" (abschneiden). In Theologie und Religionswissenschaft wird es eher neutral benutzt: Eine Sekte steht als Minderheit mit abweichender Lehre und/oder Praxis einer Religion gegenüber, von der sie sich getrennt hat. Trotzdem ist "Sekte" eine Fremdbezeichnung, die von außen benutzt wird, und häufig ein Kampfbegriff.
Keine Gruppe bezeichnet sich selbst als Sekte. Wissenschaftlich wird das Wort daher nicht selten umgangen, z.B. durch "dissidierende Gruppe" oder "Sondergemeinschaft", juristisch durch "Religionsgesellschaft" u.a. Im ursprünglichen christlichen Sprachgebrauch sind Sekten Gruppen, die den Rahmen der christlichen Tradition soweit verlassen, dass der Kern des gemeinsamen Bekenntnisses in Frage gestellt ist, indem zu Beispiel andere Offenbarungsquellen zur Bibel hinzutreten, die Person Jesu Christi in ihrer Heilsbedeutung relativiert oder das biblische Gottesbild verändert wird. Die als Sekte etikettierte Gruppe versucht dagegen aus ihrer Sicht das Eigentliche der Mutterreligion vor dem Verfall zu retten oder sie zur Vollendung zu bringen. Sie erhebt einen religiösen (im Fall der sogenannten Psycho- und Politsekten ideologischen) Anspruch ähnlich vielen Erweckungs- und Erneuerungsbewegungen - aber dies im Gegenüber zur Tradition oder zum religiösen Amt, von denen man sich getrennt hat. Sie läuft Gefahr, mehr gegen etwas als für etwas zu sein, ihre Ablehnung und ihre Feindschaften wichtiger zu nehmen als ihre Hoffnungen und Ziele. Wenn die Gegnerschaft gegen Bestehendes und Anderes die religiösen (oder ideellen) Antriebe überwuchert, wenn die Machtansprüche der Führung sich stärker auf Feindbilder stützen anstatt auf der Zustimmung der Anhänger zu positiven Zielen, ist die Entwicklung zum Sektierertum im umgangssprachlichen Sinn (Sekte als sozialpathologisches Phänomen) vorgebildet.
Traditionelle Sekten sind mehrere Generationen alte Gruppen mit christlichen und/oder esoterischen Wurzeln (Mormonen, Christliche Wissenschaft, Zeugen Jehovas, Neuapostolische Kirche, Lorenzianer, Theosophie, Rosenkreuzer usw.). Die meisten dieser traditionellen Gruppen haben sich trotz ihrer lehrmäßigen Abgeschlossenheit an die Gesellschaft angepaßt oder befinden sich (wie die Neuapostolische Kirche) auf dem Weg dazu. Es gibt jedoch Ausnahmen wie die Zeugen Jehovas, die ihre Radikalität über ein Jahrhundert lang beibehielten.
Neue und neuoffenbarerische Sekten westlicher Tradition sind in der letzten Generation entstandene Gemeinschaften. Die Gründer sind meist esoterische bzw. christliche Neuoffenbarer: Kinder Gottes oder "die Familie", Universelles Leben, Fiat Lux, Michaelsvereinigung, Gralsbewegung usw. Andere Gruppen sind dem Neuheidentum und dem Satanismus zuzurechnen (Bund für Gotteserkenntnis, Wicca-Bewegung, Armanen-Orden, Netzwerk Thelema usw.).Viele dieser Gemeinschaften befinden sich in einer radikalen Aufbruchsphase und verursachen schwere Konflikte. Es gibt jedoch ebenso Gruppen wie die Gralsbewegung, die in der Gesellschaft mitleben und wenig Aufsehen erregen. Radikale ideologische Gruppen und Bewegungen sind ideologische Gemeinschaften ohne eigentlich religiöse Anschauungen, die als Psycho- bzw. Politsekten bezeichnet werden: Scientology-Organisation, LaRouche-Bewegung mit dem "Bündnis Solidarität", Bund gegen Anpassung, Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis oder VPM usw. Sie lassen sich eher mit politischen Extremisten als mit religiösen Splittergruppen vergleichen, werden aber umgangssprachlich (nicht aus theologischer und religionswissenschaftlicher Sicht) zu den Sekten gestellt, weil sie ähnlich organisiert sind und ähnliche Konflikte verursachen wie radikale religiöse Gruppen.
Neue östliche und synkretistische Gruppen mit fremdreligiösen oder synkretistischen Lehren gibt es seit den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts: (Hare Krischna, Transzendentale Meditation, Vereinigungskirche, Osho/Bhagwan-Bewegung, Soka Gakkai, Brahma Kumaris, Ole Nydals buddhistische Gemeinschaft usw.). Sie wurden wegen ihrer (damals) jungen Gefolgschaft als "Jugendreligionen" eingestuft. Zum Teil entstanden sie neu, wie die Vereinigungskirche in Korea. Zum Teil waren sie nur in unserer Gesellschaft neu wie die verschiedenen Sant-Mat-Gruppen (z.B. Sant Thakar Singh) aus Nordindien. Hare Krischna (ISKCON) gilt in Indien als eine fundamentalistische Hindu-Sekte, die nur auffällt, weil sie den Sprung in den Westen geschafft hat. Die Radikalität vieler dieser Gruppen wird durch ihre kulturelle Fremdheit erhöht. Immer wieder kommt es zu Konflikten (z.B. durch die unmenschliche Behandlung von Kindern während der Meditation bei Sant Thakar Singh). Trotzdem vertreten diese Gruppen in gewissem Sinn die religiösen Wahrheitsansprüche von Weltreligionen in unserer Gesellschaft.
Über die Gesamtzahl der Anhänger im deutschsprachigen Raum gibt es kaum zuverlässige Zahlen. Die manchmal genannten 2-3 Millionen sind nur plausibel, falls die Mitglieder der großen, klassischen Sekten inbegriffen sind, die in Deutschland ca. 1 Million ausmachen - mehr als die Hälfte davon die Neuapostolische Kirche. Außerdem umfaßt diese Angabe Personen, die sich im Milieu der Esoterik und der sogenannten "freien Spiritualität" bewegen.
Von einer Sekte kann man jedoch erst sprechen, wenn eine Gruppe eine geschlossene soziale Struktur aufweist. Sektierertum ist ein soziales Phänomen, nicht eine Eigenschaft von Individuen - obwohl es eine sektiererische Mentalität bei Einzelpersonen gibt. Ohne soziale Organisationsform wird die sektiererische Mentalität jedoch zur Enge, Rechthaberei und Verbissenheit - die es nicht nur bei Sekten gibt. Sozial organisiert und als Gruppennorm führen diese Eigenschaften jedoch zu den sozialwissenschaftlichen "Sektenmerkmalen":
- Monopolanspruch auf die Wahrheit gegenüber anderen Gemeinschaften der gleichen Tradition
- Monopolanspruch auf Rettung, Erlösung oder Heil
- Größenideen, irreale Machbarkeitsvorstellungen und überwertige Ideen
- Schwarz-Weißstruktur des Denkens
- starre Geschlossenheit nach außen hin, ungewöhnliche Gruppenkohäsion
- Unterschied zwischen "innerer Wahrheit" und Außendarstellung (doppelte Wahrheit)
- totalitäre Innenstruktur der Gruppe mit "steiler" Hierarchie
- starker Zugriff der Führung auf die Gestaltung des Alltags bei den Anhängern
- Personenkult um die Zentralgestalt der Gruppe
- innere Überwachungs- oder Spitzelsysteme, geheimdienstähnliche Methoden
- starkes Elite- und Sendungsbewußtsein der Gruppe, Selbstidealisierung und Dämonisierung anderer
- finanzielle, berufliche und familiäre Abhängigkeit der Anhänger von der Gruppe bzw. der Führung
Gruppen, die mehrere oder viele dieser Merkmale aufweisen, gelten heute umgangssprachlich als Sekten.
Literaturangaben:
- Arbeitskreis Neue Jugendreligionen (Hrsg.): Erste Auskunft Sekten. Leipzig 1994
- Beckers, Hermann-Josef, Kohle, Helmut: Kulte, Sekten, Religionen. Augsburg 1994
- Eggenberger, Oswald: Die Kirchen, Sondergruppen und religiösen Vereinigungen, Zürich 1990
- Enquete-Kommission des 13. Deutschen Bundestags "Sogenannte Sekten und Psychogruppen", Endbericht: Neue religiöse und ideologische
- Gemeinschaften und Psychogruppen in der Bundesrepublik Deutschland. Deutscher Bundestag Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hg) 1998
- EZW (Hg): Panorama der neuen Religiosität. Gütersloh 2001 (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin)
- Gasper, Hans, Müller, Joachim, Valentin, Friederike: Lexikon der Sekten, Sondergemeinschaften und Weltanschauungen, Freiburg i.Br. 1990
- Haack, Friedrich Wilhelm: Die neuen Jugendreligionen, München 22. Auflage 1982;
- Die neuen Jugendreligionen Teil 2, 6. Auflage München 1984
- Hemminger, Hansjörg.: Was ist eine Sekte? Stuttgart/Mainz 1995
- Hutten, Kurt: Seher, Grübler, Enthusiasten, Stuttgart 6. Auflage 1989
- Obst, Helmut: Apostel und Propheten der Neuzeit, Berlin 1990 .
- dsb. : Neureligionen-Jugendreligionen-New Age. Berlin 1991
- Reimer, Hans-Diether: Sekten, Evang. Staatslexikon Stuttgart 1987 3093-3098
- Saliba, John A.: Social Science and the Cults - an Annotated Bibliography, New York-London 1990
- VELKD (Hg): Handbuch religiöser Gemeinschaften. 5.Aufl. Gütersloh 2000 (Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche in Deutschland, Hannover)